Im Islam gibt es keinen traditionellen Antisemitismus

Eine jüdische Familie mit Wasserpfeifen in Syrien, undatiert.
(Foto: Charles H. Phillips/The LIFE Images Collection/Getty

Und doch ist er heute in islamischen Länder weit verbreitet. Wie die Europäer den Judenhass in die Arabische Welt brachten. Gastbeitrag von Peter Wien

Heilige Schriften sind das, was Menschen aus ihnen machen, denn auch das Gotteswort will verstanden und gedeutet sein. Das gilt für antijüdische Aussagen, die sich im Koran finden, gleichermaßen. Nicht nur sogenannte Islamkritiker bezeichnen sie heute als antisemitisch, auch muslimische Hassprediger zitieren sie. Für die traditionelle Korandeutung ist dies ein neuartiger Missbrauch. Seit mehr als tausend Jahren mühen sich die Muslime, ihr Gotteswort als moralische und rechtliche Lehre anwendbar zu machen. Gelehrte beanspruchten das alleinige Recht auf Deutung. Demokratisch war dieses Vorgehen nicht, aber es garantierte, dass extreme, isolierte Deutungen wenig Chancen hatten.

Verse, die zu Gewalt gegenüber Juden aufrufen sind etwa eingebettet in Berichte über historische Ereignisse. Als der Prophet 622 von Mekka nach Medina auswanderte, schloss er ein Bündnis mit der Bevölkerung, das auch jüdische Stämme einschloss. Als diese der Überlieferung nach den Vertrag brachen, übten Muhammad und seine Anhänger Rache. Hass auf Juden in der frühislamischen Tradition entsprang der prekären Lage der Gemeinde, die in Konkurrenz zu gesellschaftlichen Gegnern stand. Nach diesem Verständnis war er situationsgebunden.

Weiterlesen